 |

Mit einem Dhoni auf dem Indischen Ozean

Mitternacht. Auf dem spiegelglatten Wasser geistert der schmale Lichtstreifen einer Taschenlampe herum. Ansonsten herrscht so ziemlich absolute Finsternis, kein Mond, keine Sterne, alles hinter dichten Wolken versteckt. Dunkle Gestalten auf einem kleinem Boot versuchen, nicht aus der Fahrrinne heraus auf eines der vielen Korallenriffe aufzulaufen. Langsam, gleichsam „Schritt für Schritt“ tasten sie sich vor. Bis auf das leise Tuckern des gedrosselt laufenden Motors sind nur noch die Kommandos des Mannes auf dem Bug zu hören, der dem Mann an der Ruderpinne den Weg weist.
Mitten im Boot sitzen drei Gestalten, ohne ein Wort lassen sie sich durch die Dunkelheit fahren. Angelruten in den Händen, das übrige Gepäck zu ihren Füßen.
Die drei Gestalten sind Dr. Wolfgang Schulte, Biologe, Buchautor und begeisterter Fliegenfischer, meine Frau Gisela und ich. Was in aller Welt wollen wir in dieser nachtschlafenen Zeit auf dem Meer?
Es klingt ungewöhnlich, aber wir wollen zum Angeln fahren, wobei diese Tour wirklich ebenfalls ungewöhnlich ist. Wir wollen mit den einheimischen Fischern der Malediven zusammen auf dem Indischen Ozean Fliegenfischen. Diese Berufsfischer sind, man glaubt es kaum, „Fliegenfisch-Puristen“, soll heißen, sie fangen ihre Fische, meist Thunas, ausschließlich mit der künstlichen Fliege. Wolfgang hat diesen Tripp schon einmal mitgemacht und war so begeistert, dass er uns angesteckt hat. So haben wir dann die weite Reise auf die Malediven, wenn auch nicht ausschließlich, so doch auch für diesen besonderen Angelausflug unternommen.

Langsam nähern wir uns Dhifushi, der Nachbarinsel von Meeru, unserer Urlaubsinsel. Die Fahrrinne wird breit, unser kleines Boot kann nun volle Kraft in den Fischerhafen einlaufen. Schnell sind wir mit unserem Gepäck an Land. Unsere "Fährleute" fahren zurück nach Meeru und wir gehen auf das Boot des Fischers zu, mit dem wir verabredet sind. Es dauert noch ein Weilchen, bis die Mannschaft komplett ist und wir schauen uns inzwischen die maledivische Zubereitung des gestrigen Fanges an. In einem Riesenkessel hängt ein ebenso riesengroßes Sieb voll mit Fischen. Unter dem Kessel ein gewaltiger Propangasbrenner, schon eher ein Flammenwerfer. Es brodelt und zischt. Eben wird ein Sieb mit garem Fisch aus dem offenen Kessel herausgehoben und ein neues Sieb eingesetzt. Ein wirklich starkes Bild, diese Flammen in der mitternächtlichen Dunkelheit, dieser Riesenkessel mit Fisch, gepaart mit uns nicht vertrauten "Düften", alles wie auf mittelalterlichen Bildern vom jüngsten Gericht. Wir schauen eine Weile zu und inzwischen ist dann auch die Mannschaft unseres Dhonis vollzählig. 
Jedenfalls wurden jetzt Köderfische gefangen. Die Methode ist wie alles, was diese spezialisierten Profis machen, sehr effektiv. Mit starken Flutlichtstrahlern, die ein eigenes Stromaggregat (sehr laut) erforderlich machen, werden die Köderfische von Stecknadel- bis Handllänge an die Oberfläche gelockt und mit einem großen, feinmaschigen Netz gefangen. Sofort werden sie in einen speziellen gefluteten Teil des Schiffsrumpfes gebracht und dort mit viel Frischwasser versorgt. Alle Mann an Bord haben voll zu tun, nur wir "Touries"schauen gespannt zu. Wolfgang filmt die fantastische Szene.
Es ist gegen 2 Uhr 30, als wir anscheinend genug "bait" an Bord haben. Alle Geräte werden verstaut, es herrscht plötzlich wieder Ruhe an Bord, und weiter geht die Fahrt in die rabenschwarze Nacht. Nur nicht an die vielen Riffe und Unterwasserfelsen denken, die wir tagsüber so oft auf den Atollen gesehen haben.... Die Fischer räumen uns einen Platz in der ohnehin engen Kabine ein und wir legen uns, müde wie wir sind, auf die Bretter.... und der Diesel tuckerte weiter...
Irgendwie weckt uns die Unruhe auf dem Boot. Haben wir wirklich geschlafen? Halb munter klettern wir an Deck. Es ist mittlerweile schon dämmerig geworden und das Boot ist an Ort und Stelle. Rings um uns tauchen weitere Boote aus der Dunkelheit auf und auf allen herrscht geschäftiges Treiben.
Anscheinend sind wir an der richtigen Stelle, denn es werden hektisch Köderfische ins Meer geworfen und die Crew steht geschlossen am Heck des Bootes. Während wir uns festhalten müssen, um bei dem Gestampfe und Geschaukel nicht über Bord zu gehen, steht die Reihe der Angler wie angenagelt. Plötzlich werden die ersten Ruten hochgerissen und die Fische kommen durch die Hebebaumtechnik beschleunigt im wahrsten Sinne des Wortes angeflogen. Durch die Spezialhaken sind die Fische, meistens Tunas, sofort beim Aufprall auf Deck von der Angel gelöst. Deshalb schaut auch keiner der Fischer über die Schulter, sondern schwenkt die Rute sofort wieder nach vorn, oft genug zum nächsten Anbiß.
Die beiden "baitmaster" werfen ständig die kleinen Fische ein und am Heck des Bootes kocht das Wasser vor raubenden Thunfischen. Zusätzlich zu den eingeworfenen Köderfischen werden die Tunas noch durch einen raffinierten Trick an der Oberfläche gehalten. Mit einer starken Pumpe wird ein Regenteppich auf die Wasseroberfläche am Heck gesprüht. Das hat den Anschein, dass eine große Menge Beutefische versucht, sich an der Oberfläche vor den Räubern zu retten. Da kann kein Thunfisch widerstehen und so kommen sie raketengleich aus der Tiefe, alles fressend, was wie ein Fisch aussieht.
Fasziniert schauen wir eine kleine Weile zu, denn diese Art der Angelei ist ja wirklich verblüffend. So plötzlich wie das Beißen begonnen hatte, ist es wieder zu Ende. Der Schwarm ist wieder abgetaucht.
So erinnern wir uns wieder, dass wir ja eigentlich auch zum Fischen und nicht nur zum Zuschauen mitgefahren sind. Schnell werden unsere Fliegenruten fertig gemacht und beim nächsten Schwarm sind wir auch mit am Fisch. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark diese doch relativ kleinen "Schul" tunas sind.

Jedesmal hat man den Eindruck, dass diesmal ein noch größerer an der Fliege hängt und dann ist es doch fast wieder die gleiche Größe. Thunas schwimmen oft in Schwärmen des gleichen Jahrganges. Wie die einheimischen Fischer fangen nun auch wir Fisch auf Fisch. Der Unterschied besteht lediglich in der Stückzahl. Während die riesigen Ruten der Malediver zeitweise wie die Pumpenschwengel auf und ab wippen, fast immer mit Fisch, müssen wir Sportangler unsere Beute herandrillen, ehe sie an Bord kommt.
Gutmütig schmunzelnd schaut uns der Kapitän kurz zu, dann muß er sich wieder auf die vielen anderen Dhonis konzentrieren, auf denen die gleiche Hektik herrscht, wie auf unserem Boot.
Mittlerweile ist es hell geworden. Ich fische mit einer Rute der Schnurklasse 12, eigentlich einer Tarponrute, die aber von den Thunfischen locker bis ins Handteil durchgebogen wird. So zögere ich etwas, auf ein Gerät der Schnurklasse 10 zu wechseln, da die Fische wirklich unwahrscheinlich kämpfen. Schließlich wechsele ich doch.
An der Rute # 10 ist ja das erste Exemplar meiner neuen Rollenkonstruktion montiert. Wird es dieser ersten Bewährungsprobe standhalten? Ich hatte noch keine Gelegenheit, die Rolle zu belasten, da sie erst kurz vor der Reise fertig geworden ist. Also jetzt oder nie ! Bei der nächsten Beiss- Orgie werfe ich weit und füttere noch Schnur nach. Sofort erfolgt der heftige Biss und die Rute biegt sich zum Griff durch. Nach kurzem Drill weiß ich, was ich von meiner Rolle zu halte habe.
Die Dual Mode forciert den Fisch wie gehabt. Der "power"- Griff erlaubt ein zügiges Einholen auch bei starkem Schnurzug. Den "speed"- Griff muss ich nicht benutzen. Keiner der Tunas kommt auf mich zu, um dem Schnurzug zu entgehen. Weiter fangen wir Fisch auf Fisch, Gisela fotografiert mit der einen Hand und filmt mit der anderen Hand mit Wolfgangs Videokamera. Es ist Hektik im Quadrat. Oft weiß sie nicht, worauf sie sich besonders konzentrieren soll, denn Wolfgang und ich haben oft gleichzeitig Fische im Drill, bis plötzlich wieder Schluss ist. 
Weit entfernt springen noch Tunas hektisch aus dem Wasser. Dort geht das große Fressen weiter. Ich schaue auf den riesigen Köderfischbehälter im Bauch des Bootes und sehe, dass da nicht mehr allzuviel zu holen ist.
Noch einmal schafft es der Kapitän, über einen Schwarm zu kommen, noch einmal wippen die Riesenruten im Takt. Auch Wolfgang und ich fangen noch die lezten Fische. Gisela schießt die letzten Bilder, dann ist wohl endgültig Schluss. Können es wirklich zwei Stunden sein, in denen wir fast ununterbrochen gedrillt haben? Irgendwie ist das wie ein Rausch. Das Deck ist von Fischen übersät, natürlich die allermeisten von den Einheimischen. Nach dem Zählen steht es fest, es sind über dreihundert Stück. Der Kapitän ist nicht so recht zufrieden. An anderen Tagen hätten sie schon über zweitausend Thunfische gefangen, kaum zu glauben. 
Nach einem ausgiebigen, wenn auch späten Frühstück geht es wieder auf Heimatkurs. Bald sehen wir von fern "unsere" Inseln.
Ich habe schon größere Fische gefangen, auch schon mehr an einem Tag, jedoch ein solches Erlebnis wie diesen Tripp hatten wir Beide, das heißt Gisela und ich noch nie. Sicher haben noch nicht viele Europäer eine solche Angeltour mitgemacht. Diese überwältigende Freundlichkeit der maledivischen Fischer, diese Rücksichtnahme uns gegenüber, war wirklich berührend. Wir waren wirklich Gast auf ihrem Schiff. Ihre seemännische Erfahrung, ihr Wissen über das Meer und seine Bewohner haben sie von Kindesbeinen auf erworben, besteht doch ihr Staat, Land kann man ja kaum sagen, zu 98% aus Meeresfläche. Das heißt, sie leben auf und von dem Indischen Ozean.
Es war wirklich ein besonderes Erlebnis. Wir konnten eine Fliegenfischertechnik beobachten, die schon lange vor unserer eigenen existierte und noch heute erfolgreich, und was nicht vergessen werden sollte, sehr umweltschonend ist.
Wir kommen gerne wieder.

|
 |